im goldenen käfig

Wissen, was das Herz fühlt



 Viele Menschen vieler westlicher Länder und vermutlich auch genauso viele im östlichen Teil der Welt, oder zumindest, was allgemein als Osten und Westen definiert wird, leben in einem freien Gefängnis, im so genannten goldenen Käfig. Wie leicht man sich so ein eingegrenztes Gedanken-Gefängnis baut, will ich Euch gerne mit zwei meiner Geschichten erzählen.

 

Mache das, was Dich glücklich macht, ob im Beruf

oder privat, und das Leben wird es Dir danken!

 

Als wir, meine Familie und ich, 1990/ 91 nach Mannheim-Friedrichsfeld gezogen sind, war es vermutlich das Beste, was mir passieren konnte. Diese Entwicklung, die ich in Friedrichsfeld machen durfte, einem  Vorort von Mannheim mit dorfähnlichem Charakter wäre vermutlich in der Stadt nicht möglich gewesen.

 

In der Stadt wohnten wir, meine Eltern, meine Schwester und ich, in einer 3-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad. Ich wurde morgens von einem Taxi-Unternehmen zur Schule gebracht. Am späten Nachmittag oder frühen Abend wurde ich wieder nach Hause chauffiert. Körperlich war ich noch nicht so mobil, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu können. Ein paar Jahre später benutzte ich dann Bus und Bahn, um etwas früher daheim zu sein.

Kontakt zu Gleichaltrigen hatte ich nicht wirklich, beziehungsweise nur in der Schule, einer schulischen Einrichtung für körperbehinderte Menschen. Zwar war ich mit meinen Eltern ab und zu in Mannheim und später in Friedrichsfeld auf Faschingsveranstaltungen und Ähnlichem, aber von der heutigen Sichtweise betrachtet, war ich zunächst alles Andere als eigenständig oder frei denkend. Ich versteckte mich hinter einer Mauer, die mich nicht wirklich an der Gesellschaft teilhaben ließ. In der Schule waren zwar viele Jugendliche in meinem Alter, aber ich fühlte mich in dem großen, grauen Haus nie richtig wohl. Ich erlebte da zwar auch ein paar schöne Dinge und wohnte auch teilweise in diesem „Container“, aber es war für mich nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Aus meiner heutigen Sichtweise betrachtet, lagen dort „ziemlich niedrig schwingende Energien“ in der Luft. Wie ich heute weiß, passiert nichts ohne Grund. Darum bezeichne ich auch meine Reha- und Schulzeit im wahrsten Sinne des Wortes als Lehrzeit. Wobei wir ja unser Leben lang lernen und Erfahrungen sammeln.

 

Als ich mit meiner Familie noch in der Stadt wohnte, waren wir alle Mitglied in einem Karnevalsverein. Allerdings war ich dort nicht aktiv tätig, sondern nur ein passives Mitglied. Meine Mutter und meine Schwester tanzten dort in der Garde. Meine Mutter in der Seniorengarde, in welcher das Durchschnittsalter Mitte Dreißig betrug, und meine Schwester war bei den Kleinen – ich glaube, Purzelgarde wurde die Gruppe genannt. Mich berührte es damals besonders, den Tänzern und Tänzerinnen in der Garde zuzuschauen. Wahrscheinlich war es die Sehnsucht danach, auch so tanzen zu können. Meine Mutter sagte früher immer, dass ich wahrscheinlich ein begnadeter Tänzer geworden wäre. Wer kann das besser beurteilen als meine Mutter, die es immer live miterlebte, wenn ich in ihrem Bauch Rock´n Roll tanzte, wenn sie entsprechende Musik hörte. Der Musik war ich schon immer sehr verbunden und werde es wohl auch immer bleiben, auch wenn ich kein Instrument spielen kann. Karaoke liebe ich sehr, denn da zählt vor allem die Leidenschaft und der Fun-Faktor! Musik ist für mich ein Weg aus der Gedankenmatrix und hinterlässt eine wage Vermutung zu was es noch alles im Kosmos zu entdecken gibt. Auch heute sehe ich anderen noch gerne beim Tanzen zu. Allerdings sind es heute weniger Sehnsuchtsgefühle, die ich empfinde, sondern eher ein Mitfreuen. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass ich damals meinen Unfall noch nicht verarbeitet hatte. Normalerweise bekommt man nach einem schweren Trauma routinemäßig psychologische Hilfe, aber bei mir war das nicht so. Keine Ahnung, warum. Vielleicht hielten die Ärzte mich seelisch für so stark, dass ich allein damit fertig werden würde!? Womit sie ja dann auch letztendlich Recht behielten. So konnte ich mein Trauma eben auf ganz natürliche Weise aufarbeiten, durch entsprechende Erfahrungswerte und mit dem Schreiben dieses Buches.

 

Wie schon angedeutet: Die Schule kam mir damals ein wenig wie ein goldener Käfig vor, was ich zu der Zeit völlig in Ordnung fand. Trotzdem war eine Last auf meiner Seele, die mich nicht wirklich glücklich sein ließ. Zwar fühlte ich mich (unbewusst) schon ab und an in einem Hamsterrad und mir war auch irgendwo klar, dass etwas gewaltig stank, aber ich wusste nicht, was es war. Heute weiß ich, dass dieses „Beengt sein“ sehr wahrscheinlich mit meinem Selbstwertgefühl zu tun hatte. Zudem verbrachte ich nach meinem Unfall viel Zeit in Institutionen, wie Krankenhäusern, Reha-Kliniken und Ganztagsschulen, was selbst jetzt nicht unbedingt die positivsten Erinnerungen hervorruft. Von der Schule bekam ich immer wieder dasselbe Bild von den „Nichtbehinderten“ vermittelt. Andauernd wurde mir und meinen Mitschülern gesagt, wie schlecht die „Normalos“ doch seien. Beispiele von Hooligans oder anderen Randgruppen wurden gebracht – und das fast tagtäglich. Na ja, die Medien haben diesen BRAINFUCK ja auch noch unterstützt, und wahrscheinlich hatten meine Lehrer diesen „Gehirnschmalz“ wohl aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen. Schon damals fokussierten sich Rundfunk- und Printmedien hauptsächlich auf negative Nachrichten. In den Zeitungen konnte man: “Schon wieder wurde ein Rollstuhlfahrer verprügelt“, oder ähnliche Berichte lesen. Etwa fünf Jahre lang bin ich nicht wirklich vor die Tür gegangen, zumindest nicht alleine, aus einer Angst heraus, weil mir die "normale Welt" unbekannt wurde und ich mir unbewusst eine Gedanken-Mauer zu ihr aufbaute. Erst als wir in Friedrichsfeld wohnten, lichtete sich der graue Schleier, der mich von meinem eigenen Selbstwert trennte und es riss der Halt der selbstgestrickten Zwangsjacke. Zwar gibt es in dem Mannheimer Vorort, welchen ich für die nächsten 23 Jahre mein Zuhause nennen durfte einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt als im Stadtzentrum, aber ich musste erst wieder lernen, mich anderen gegenüber zu öffnen.

 

Irgendwann hat mich meine Mutter regelrecht dazu gedrängt, den Jugendtreff im Ort aufzusuchen. Sehr oft hatten wir zu diesem Zeitpunkt darüber diskutiert, bis ich nachgab. Mit einem sehr mulmigen Gefühl habe ich schließlich dann den Gesellschafts-Treff verschiedener Jugendlicher aufgesucht. Ich muss damals zwei, drei oder mehrere Schweinehunde überwunden haben, denn mit dem Bild der Schule und den Medien im Kopf schwante mir nichts Gutes. Allerdings war ich damals schon ein Abenteurer und liebte das Unbekannte. In dem moment rechnete ich mit dem Schlimmsten, und das, obwohl mir eigentlich hätte klar sein müssen, dass meine Mutter mich nicht sprichwörtlich in die Höhle des Löwen schicken würde. Umso überraschter war ich, was dann passierte. Nämlich nichts, was meinen misslichen Gedanken damals entsprochen hätte! Gar nichts dergleichen! Im Gegenteil, der damalige Jugendleiter hat sich angeregt mit mir unterhalten und die Jugendlichen haben mich sofort als einer von ihnen angenommen, ohne genau zu wissen, was mit mir überhaupt los war oder wer ich bin. Mir ist damals ein großer Stein, ach, was schreibe ich, ein übergroßer Felsbrocken vom Herz gefallen und es kam mir vor, als hätte sich eine neue Welt für mich aufgetan. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich mir diese Zeilen durchlese und mich daran zurück erinnere. Wenn in der Schule wieder einmal über die „bösen Nichtbehinderten“ geschimpft wurde, haben die Lehrer in mir einen echten Widerstandskämpfer gefunden, der diese Halbwahrheit wieder ins rechte Licht rückte. Im Übrigen gefällt mir das Wort „Nichtbehinderte“ nicht. Schon gar nicht, wenn es auf eine bestimmte Personengruppe bezogen ist. Einer meiner besten Lehrer sagte einmal: „Welcher Mensch ist nicht behindert?“ Irgendwo hat doch jeder Mensch einen Makel, eine krumme Nase oder eine Abnormalität. Was ist eigentlich normal? Ab wann spricht man von einer Behinderung?

Diese kleine Geschichte ist eine der prägendsten und schönsten Erinnerungen zwischen meinem Unfall und meinem 30. Lebensjahr, als 2008 meine „Aufwachphase“ begann. Mein „goldener Käfig“ war eher ein Gedankenkonstrukt, eine Matrix und ist ein typisches Beispiel dafür, welche Macht Nachrichten, Medien und gesellschaftliche Einflüsse auf den Einzelnen haben können. Jeder baut sich seine eigene Welt und übersieht vor lauter Blockaden leicht, dass sie noch schöner sein könnte als sie manchmal wahrgenommen wird. Ich lade jeden meiner Leser dazu ein, sich einmal Gedanken zu machen, welche seelische Mauern oder Vorurteile bei ihm herrschen und zu erforschen, wo sie entstanden sind. Bist Du in einem Hamsterrad und wie sieht es aus!? In einem Karussell der weltlichen Vorstellung zu sein ist nichts verwerfliches, aber es macht einen Unterschied, ob man sich dessen bewusst ist. Beobachte Dich selbst einmal in dieser Hinsicht. Wenn man schon im Vorfeld seine Ängste kennt und mit ihnen arbeitet, können zum Beispiel scheinbare Herausforderungen total leicht und einfach erscheinen. Einfach deswegen, weil Du viel selbstsicherer handelst.

Wenn Deine innere Welt in Harmonie oder Disharmonie lebt, wird sich dieses auch in Deiner äußeren Welt widerspiegeln.

 

Meine zweite Geschichte zum Thema „goldener Käfig“ spielt in meiner Ausbildung zum Bürokaufmann, die ich in Heidelberg absolvierte. Eine Zeit, die mir ebenfalls nicht sehr positiv in Erinnerung ist. Die Geschichte wollte ich erst gar nicht ins Buch schreiben. Erst bei einer der letzten Überarbeitungen sollte ich schließlich diesen „goldenen Käfig“ ergänzen. Allerdings ist sinnbildlich dafür, dass man nicht unbedingt im Strom der Traditionen mitschwimmen muss. Was bisher gut war, wird gerne aus Bequemlichkeit weiter so gehandhabt, ohne darüber nachzudenken, ob es noch passt und es nicht vorteilhaftere Mittel und Wege gibt. Vielleicht war dieses neue Gefängnis die nächst höhere Lektion des Lebens für mich, in der ich einen weiteren Schritt der Eigenverantwortung gehen sollte.

 

Die Geschichte spielt ebenfalls in einer Einrichtung für Behinderte. Eine Übungsfirma oder Scheinfirma, in der Umschulungen und Ausbildungen zum Kaufmannsgehilfen durchgeführt wurden.

 

Mit Entschlossenheit kannst Du jeden goldenen Käfig durchbrechen.

 

Die anderen Schüler und ich waren anfangs einer virtuellen, erdachten Fahrradfirma angehörig. Später wurde die Übungsfirma eine Druckerei. Dort bekamen wir, wie in einer normalen Firma, unsere Aufträge, holten verschiedene Angebote ein und es lief für uns Schüler fast so wie in einer normalen Firma. Es gab etwa fünf oder sechs Unterrichtskurse, die je ein halbes Jahr lang andauerten. In meinem Kurs waren etwa 20 Leute, die sich ziemlich schnell in Grüppchen aufteilten. Da gab es die Elitegruppe, die dachten, sie wären das Nonplusultra, dann die Mittelschicht, die zwar ihre Meinung sagen durfte, sich aber letztlich der „Elite“ beugen musste und diejenigen, die aus Mitläufern und Ja-Sagern bestand. So weit, so gut, ein normales Gruppenverhalten eben, wie man es auch von anderen Schulen und Gesellschaften kennt. Nur, dass es noch extremer als in einer normalen Schule war, denn diese Einrichtung war gleichzeitig ein Internat. Das heißt, dieses Gruppenverhalten bestand nicht nur während der Schulzeit, sondern auch danach und teilweise sogar am Wochenende. Die meiste Zeit meiner Ausbildung verkroch ich mich so weit möglich in meinem Zimmer und ging den Weg des geringsten Widerstandes. Wie es so ist, vergingen auch diese drei Jahre und es näherte sich die Zeit der Abschlussfeier. Diese war bislang von jedem Kurs selbst organisiert worden – bis zu diesem Kurs, in dem ich saß.

 

Traditionen und Rituale haben

nur so lange Bestand, bis sie überholt sind.

 

Natürlich wollte die so genannte Elitegruppe bei der Planung der Abschlussfeier wieder die ganze Organisation an sich reisen, auch wenn die anderen bessere oder günstigere Angebote einholten. Weil es Tradition war, sollten dieselben Lieferanten für Essen und Trinken genommen werden, die schon immer genommen wurden, auch wenn diese teurer und qualitativ minderwertiger waren als andere. Das widerstrebte mir zwar – und wie es sich später herausstellte dem Großteil des Kurses auch, aber ich kam über anfängliche Proteste nicht hinaus und gab letztlich klein bei. Bis es darum ging, das vereinbarte Geld zu zahlen. Meine Schulkollegen und ich saßen in einem Halbkreis, und einer der Elitären sammelte das Geld ein. Bis er zu mir kam, denn ich sah nicht ein, dass ich für eine Missorganisation, die genau das Gegenteil von dem präsentierte, was wir in der Ausbildung gelernt hatten, einen Preis zahlte, der doppelt bis dreifach so hoch war wie für eine anständige Planung. Nach meiner Verneinung und der dazugehörigen Argumentation stimmten mir auch die meisten meiner Mitschüler zu, die sonst immer brav abnickten. Diejenigen, die bereits bezahlt hatten, verlangten ihr Geld zurück und die anderen behielten ihre Geldnoten im Portemonnaie.

 

Das war seit langer Zeit der erste Kurs, der keine Abschlussfeier veranstaltete. Natürlich wurde ich als Sündenbock hingestellt, aber aus meiner Sicht habe ich nur einen Schneeball ins Rollen gebracht, der sich zu einer Schneelawine entwickelte. Statt einer überteuerten und vielleicht sogar unbequemen Feier zum Abschluss der Ausbildung, ging ich schick mit meinen Eltern Essen.

Ein solches Gruppenverhalten finden wir in sehr vielen Gesellschaften, zumindest in der Welt des Kapitalismus. Die Bevölkerungsgesellschaft vieler westlich geprägter Länder verhält sich nach diesem Prinzip der Struktur. Ich möchte an dieser Stelle kein politisches Statement abgeben, da dieses Buch weitgehend frei von dualen Bewertung bleiben soll, aber jeden meiner Leser bitte ich, meine Geschichten zum Goldenen Käfig mit seinem Leben zu vergleichen und dabei zu versuchen über den Tellerrand zu schauen. Dabei geht es nur um eins, um Dich. Erkenne wo Du stehst, werde Dir deines Käfigs bewusst – gleichgültig ob Gesellschaftspolitisch, der Arbeit oder in einer anderen Situation. Es geht nicht darum, irgendwen oder irgendetwas für positiv oder negativ zu bewerten, sondern alleine um die Klarheit und die bewusste Wahrnehmung dafür. Auch an dieser Stelle ist Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung!

 

Kämpfe für den Weltfrieden und fange an

vor deiner eigenen Türe zu fegen.