to be alive - Ich will leben

Wissen, was das Herz fühlt



Der Verkehrsunfall und dessen Folgen sind ein prägender Teil in meinem Leben gewesen. Deswegen schreibe ich auch gerne darüber. Aus meiner Vergangenheit resultiert, was ich heute bin. Darauf bin ich sehr stolz, denn durch meine Erfahrungen als Stehaufmännchen habe ich eine große Charakterstärke bewiesen und ich möchte meinem Lehrmeister, dem Leben selbst auf diese Weise meinen Respekt und meine Anerkennung aussprechen! Diese Geschichte handelt von meiner spirituellen Geburtsstunde und deshalb möchte ich sie Euch gerne erzählen.

 

Ich will leben war wohl der Gedanke, der mich damals nach dem Crash mit dem LKW gerettet hat. Doch dieser Gedanke bekam sehr guten Dünger. Es war fast immer jemand an meiner Seite als ich im Koma lag. Immer wurde mein Verstand beschäftigt, sei es, dass mir meine Lieblingskassetten (Fünf Freunde von Enid Blyton) vorgespielt oder mir etwas Schönes vorgelesen wurde. Die jeweilige Geschichte auf der Kassette habe ich zu Träumen geformt. Die Liebe in meiner Umgebung war deutlich zu spüren, innen und außen. Vermutlich haben mir damals meine Freunde und Verwandten sehr viel Liebe in Form von Gedanken geschenkt – auch viele, die nicht bei mir in der Klinik waren. Dies durfte ich rund 25 Jahre später bei einem Freund beobachten, der eine ähnliche, aber letzten Endes harmlosere Erfahrung als ich damals machte. Diese Verbundenheit seiner Freunde im Ort war so herzrührend, dass diese feinstoffliche Energie wahrscheinlich sehr zu seiner raschen Heilung beigetragen hat. Entscheidend war natürlich der eigene Wunsch zur Genesung.

 

Liebe ist der Dünger, der den Lebenswillen wachsen lässt.

 

Die Ärzte hatten anfangs wohl nicht viel Hoffnung, dass ich den Verkehrsunfall überstehe. Als ich schon einige Tage im Koma lag, kam für meine Eltern eine freudige Nachricht. Endlich hatte ich die Götter in Weiß, wie sie in den 80er und 90er Jahren gerne genannt wurden davon überzeugt, dass ich dem Todesengel noch einmal von der Schippe gesprungen war. Allerdings sagten sie meinen Eltern, dass ich möglicherweise geistige Schäden davontragen würde. Na ja, Ärzte gehen ja meistens vom Schlimmsten aus. So war es zumindest bei mir damals. Ich war noch niemals leicht einzuschätzen. Damals nicht und heute erstrecht nicht!

 

Meine Mutter hat mich gleich nachdem ich aus meiner vierwöchigen Entdeckungstour in meinem Bewusstsein aufgewacht war das kleine und das große Einmaleins abgefragt und ich habe es wahrscheinlich noch besser drauf gehabt als heute. Meine Mutter erzählte mir, dass ich durch mein Schwesterherz aufgewacht bin, obwohl sie mit ihren zwei Jahren noch nicht auf die Intensivstation durfte. Zusammen mit meiner Tante haben meine Eltern meine Schwester animiert, etwas zu sagen und es auf eine Kassette aufgenommen. Immer wieder hat sie meinen Namen genannt, als ob sie sich der Wichtigkeit dessen bewusst war. Ich habe zu meiner Schwester noch heute einen sehr engen Kontakt, der von einer bedingungslosen Liebe geprägt ist, die ich im Laufe der Zeit auch in vielen Freundschaften finden konnte. 

 

Ich verdanke es wohl meinen ersten Essversuchen, dass ich heute Griessbrei, Milchreis und Pudding so gerne esse. Fortwährend haben mich meine Eltern mit Joghurt und dergleichen versorgt, denn ich habe ständig Kohldampf geschoben und Terror gemacht, wenn ich nichts zu Essen bekam. Kein Wunder, schließlich hatte ich auch vier Wochen lang im Koma gelegen und ohne feste Nahrung auskommen müssen.

 

Mit Hilfe meines Vaters machte ich meine ersten Schreibversuche.  Auch noch danach übte ich eine Zeit lang das Schreiben beziehungsweise die Schreibmotorik in der Ergotherapie, aber irgendwann sahen meine Therapeutin und ich keine Fortschritte mehr. Natürlich war weiterhin das Ziel, meine Motorik zu unterstützen, aber eher im Allgemeinen – für den Körpertonus oder eine ruhigere Hand. Ich durfte mich handwerklich mit Gips, Holz und Knete austoben. Am Computer habe ich meine Reaktionsfähigkeit und die Wahrnehmung geschult. Dazu dienten verschiedene Spiele oder Aufgaben, die ich zu lösen hatte. Später haben wir uns sogar dem Neuro-Feedback verschrieben. Das ist die Stimulation von bestimmten Hirnbereichen, wie der linke oder rechte Frontallappen durch Alphawellen. Auch Physiotherapie bekam ich regelmäßig, wobei ich immer Glück hatte, solche Therapeuten zu bekommen, mit denen ich über fast alles reden konnte. So wurde gleichzeitig, bewusst oder unbewusst, auch mein Seelenheil geformt. Eine Therapeutin sagte mir einmal, dass ich eigentlich eine Therapie bräuchte, die nicht nur gut für meinen Körper ist, sondern auch in die Geistheilung hineingeht. Der Meinung bin ich auch, denn Heilung jeglicher Art beginnt im Kopf. Es ist schön zu sehen, dass die Schulmedizin sich immer mehr auch lange unbeachteten Heilungsmethoden annimmt.

 

Ihr interessiert Euch bestimmt dafür, wie es zu dem Verkehrsunfall kam. Nun ja, ungefähr 15 Minuten nach dem dramatischen Vorfall sind ausgelöscht und auch sonst habe ich verhältnismäßig wenig Erinnerung an die Zeit vor meinem Unfall, was sich aber nach und nach immer mehr lichtet, vor allem weil ich in einer noch jungen Tochter von einer guten Freundin viel von mir damals sehe. Überhaupt, die Lebenslust vieler Kinder fasziniert mich, Ich bin der Meinung, dass sie oft nur gehört werden wollen und in der Tat haben sie einiges was wir Erwachsene leider verlernt haben und uns erst wieder aneignen müssen. Das Leben ist nämlich nur so hart wie wir es sehen.

 

Vor ein paar Jahren konnte ich wieder Kontakt zu einigen meiner Freunde aus der Schule herstellen, unter anderem zu meiner damals besten Freundin. Die Ärmste hatte alles mitbekommen und wohl auch ihr extremstes Trauma erlebt. Anfangs gab ich mir die Schuld, dass sie so ein schlimmes Kindheitstrauma erleben musste. Durch erfolgreiche Bewusstseinsarbeit habe ich mich von diesem Gedanken wieder befreien können. Ich habe ihr einfach einen Brief geschrieben, den ich nicht abschickte, wobei ich das auch nie vor hatte. Das heißt, ich habe diese kritische Tatsache genauso angenommen und akzeptiert wie meinen Unfall. Klar, von der Bedeutung der Blockade, von der Schuldgebung zum Verkehrsunfall liegen Welten, aber ich glaube, es kommt nicht darauf an, wie groß das Problem ist, sondern darauf, wie viel Zeit vergeht, bis man sich damit auseinandersetzt. Je länger man das Problem, wie immer es aussieht vor sich her schiebt, desto tiefer vergräbt es sich in unserem Unterbewusstsein. In solch einem Fall wird es nicht gerade leichter, an die Ursache heran zu kommen. Es ist wichtig sich mit seinen Schattenseiten und damit verbundenen Traumata auseinanderzusetzen, denn sonst begleiten diese einen sein Leben lang in Form von Verhaltensmuster und Affektreaktionen, die böse ausgehen können.

 

Beim Schreiben fallen mir auch oft einige Dinge von früher wieder ein. Beispielsweise sprang mir eine vergessen geglaubte Freundin aus der Kindheit wieder ins Gedächtnis, als ich mit ihr per Mail über alte Zeiten schrieb. Anfangs wusste ich gar nicht, mit wem ich schrieb, aber als sie einige Geschichten wieder ausgrub, fielen mir ihr damaliges Gesicht, verschiedene Situationen und Ereignisse wieder ein. Das ist übrigens einer der Hauptgründe, warum ich ursprünglich alle meine Texte schrieb, aus denen schlussendlich mein virtuelles Buch entstand. Ich wollte so viel Erinnerung zurück erlangen wie möglich. Es ist zwar besser, im Hier und Jetzt zu leben, wie der buddhistische Gedanke im lateinischen Ausdruck Carpe Diem uns erzählt, aber wenn man es nicht übertreibt, ist mancher geistige Ausflug in die Vergangenheit schon ganz hilfreich. Ich wollte auf meiner Webseite ein Stück weit meine Bewusstseinserweiterung dokumentieren, woraus noch mehr Texte entstanden. Vielleicht eine Never Ending Story!?

 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Schwester, die zwei Jahre alt war, einen Ohrring verloren hatte, den ich unter einem Küchen-Rollwagen mit mehreren Körben fand. Dann wurde ich von jemandem abgeholt – vermutlich von meiner damals besten Freundin. Ab da habe ich einen Filmriss, wobei der sicherlich seinen Grund hat. Diese Erinnerungen sind bestimmt noch da, aber eben sehr tief in meinem Unterbewusstsein vergraben. Den Rest weiß ich nur noch vom Hören-Sagen. Meine Freunde und ich spielten auf einer verkehrsberuhigten Straße in der Nähe eines Spielplatzes. Die Begegnung mit dem LKW hätte ich mir allerdings sparen können. Na ja, jetzt weiß ich wenigstens, dass LKW stärker sind! Neben einem Schädelhirntrauma, bei dem sowohl mein Sprach- als auch mein Gleichgewichtszentrum schwerwiegend beeinträchtigt wurden, waren nach dem Zusammenstoß noch einige andere Verletzungen vorhanden. Diese kommen heute aber nicht mehr zum Tragen beziehungsweise treten eher in den Hintergrund. Natürlich hat die körperliche Beeinträchtigung heute nicht mehr die Tragweite wie damals, aber die Deutlichkeit meiner Körperbehinderung hängt sehr mit meiner mentalen Verfassung zusammen – zum Beispiel bei Müdigkeit oder extremen Kopfschmerzen. Durch Übung und Training konnte ich einiges wieder verbessern. So laufe ich heute mit einer Gehstütze und meine Sprachfertigkeit ist lediglich noch etwas verlangsamt, aber ich bin durchaus deutlich und verständlich anzuhören - wie gesagt, formabhängig. Insgesamt habe ich mich seit dem Unfall beträchtlich weiterentwickelt, nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig. Durch das Koma und die Folgen des Unfalls habe ich andere Erfahrungen sammeln dürfen als nicht behinderte Menschen. Diese anderen Einsichten in das Leben möchte ich gar nicht bewerten, denn es sind keine besseren oder schlechteren Erkenntnisse als bei anderen. Ich habe lediglich intensivere oder tiefergehende Erfahrungen gemacht. Wenn ich etwas Besonderes bin – das haben schon einige zu mir gesagt, dann bin ich nach meinem Verständnis nicht mehr oder weniger besonders als alle anderen Menschen auch. Jeder hat ein Gebiet, auf dem er überdurchschnittlich gut ist. Meines ist eben nur anders als bei den Meisten, was Vorteile aber auch Nachteile mit sich bringt.

 

Ich spiele vielleicht eine besondere Rolle in diesem Leben – das mag sein. Vielleicht habe ich auch deswegen das erleben müssen, was ich erlebt habe. Durch den Unfall habe ich die wahre bedingungslose Liebe kennen und schätzen gelernt. Diese Liebe möchte ich in mein Umfeld und in die Gesellschaft tragen.

Ich war schon immer jemand, der nicht permanent mit dem Strom der Gesellschaft geschwommen ist. Ich wollte schon immer mein eigenes Ding durchziehen und die Grenzen der Vernunft ausreizen. In der Vergangenheit habe ich sie ab und zu sogar überschritten. Noch heute habe ich des Öfteren meine fünf Minuten, in denen ich gerne in die Rolle eines ausgeflippten Teenies schlüpfe. Vielleicht kann ich mit meiner Lebenseinstellung für den einen oder anderen ein Vorbild sein. Es würde mich in jedem Falle sehr freuen, wenn ich mit meinen Erfahrungswerten in irgendeiner Weise helfen kann, dass möglichst viele Menschen die Sprache ihres Herzens verstehen.

 

Erst sah ich meinen Verkehrsunfall beziehungsweise die darauf folgende Körperbehinderung als eine Art Strafe Gottes an. Dann versuchte ich, das Beste aus dieser Situation zu machen. Heute betrachte ich meinen Unfall als ein Geschenk des Lebens, da ich dadurch bedeutende Kenntnisse des gewonnen habe.